Müller: "Ich strebe eine Bestleistung an!"
17. August 2009

Knapp 30 Kilometer vom WM-Schauplatz entfernt lautete das Motto: „Schlafen, quälen, essen!“. Wohlfühlen und Leistungssport – Gegenpole ziehen sich hier offenbar an. Und wenn sich das Wort „Medaillenschmiede“ am Ende bewahrheiten sollte, hätte der Hallenser sicherlich nichts dagegen einzuwenden. „Wir haben noch einmal Wert auf die technischen Disziplinen gelegt. Denn die Schnelligkeit ist da und springen kann ich auch. Es ist unglaublich, aber hier gibt es echt alles, um sich wohl zu fühlen und Leistungssport treiben zu können. Angefangen von einer hochmodernen Mensa, in der täglich drei Gerichte zur Wahl stehen und man nach dem Motto „All you can eat“ viele leckere und gesunde Dinge in sich hineinschaufeln kann, über die geräumigen Zweibettzimmer, bis hin zu den modernen Trainingsstätten und physiotherapeutischen Einrichtungen, um sich so richtig quälen und danach auch wieder pflegen lassen zu können“, sagt Müller.
„Genau deswegen“ hatten sich der Dritte der Junioren-WM von 2004 und sein Coach, Wolfgang Kühne, dazu entschieden, hier ihre Zelte aufzuschlagen, um sich auf den großen Showdown bei der WM vorzubereiten. „Druck von außen habe ich nie vernommen. Nach Götzis waren die Medien zunächst einmal vorrangig auf Michael Schrader fixiert. Nach seiner Absage hat sich bezüglich meiner Person kaum etwas geändert. Druck mache ich mir höchstens selber“, sagt die diesjährige Nummer drei der deutschen Bestenliste und ergänzt: „Natürlich strebe ich eine neue Bestleistung an, denn nur dann ist eine gute Platzierung möglich. Die 8295 waren zwar gut, spiegeln aber nicht das wider, was ich drauf habe.“
An Kienbaum wird es sicherlich nicht gelegen haben, wenn sich die Träume des amtierenden deutschen Zehnkampf-Meisters nicht erfüllen sollten. Als kleiner „Morgenmuffel“ bereitete ihm allenfalls die erste Disziplin „Frühstück“ ein wenig Probleme. „Ab 8.00 Uhr hing ich erst einmal fünf Minuten über meinem Brötchen, um meinem Körper bewusst zu machen, dass gleich die Nahrungsaufnahme folgte. Unbedingtes Muss bei jedem Frühstück für mich: ein gekochtes Ei und ein grüner Tee!“ Nach einem dreiminütigem Gang in die Kältekammer und einem kleinen Check seiner Muskeln und Gelenke durch den Physiotherapeuten seines Vertrauens, Frank Zander, gab es für Norman Müller dann nur noch eins beim Training: sechs Stunden Vollgas. Nichts wurde dem Zufall überlassen, die tägliche Schinderei schildert der 24-Jährige wie folgt: „Wir haben zum Beispiel an den Hürden trainiert, die genau dieselben waren, welche ich dann auch im Olympiastadion überlaufe. Nach etlichen Läufen, um die Technik weiter zu verfeinern, musste ich zum Schluss auch noch zweimal die komplette Wettkampfdistanz zurücklegen und das über elf Hürden, also eine mehr als im Zehnkampf. Schon danach war ich geschafft, aber ich wusste, dass noch einiges auf mich zu kommen sollte. Dann zog ich mir meine Diskusschuhe an und warf eine Scheibe nach der anderen. Im Diskus habe ich noch einige Reserven, die ich natürlich schon in Berlin abrufen möchte.“
Nach dem wohlverdienten Mittagessen wuchs bei der nächsten Einheit die Gewissheit, „dass ich beim 400-m-Lauf in Berlin wieder um 48 Sekunden spurten kann. Das Selbstbewusstsein kann ich nach meinen Trainingsläufen über 500 m, 400 m und 100 m auch haben – wenn man über 400 m im Training nur eine halbe Sekunde langsamer ist als beim wichtigen Qualifikationswettkampf.“ Danach ging bis auf die Nahrungsaufnahme beim Abendessen und dem obligatorischen Telefonat mit seiner Freundin nichts mehr - außer einer „Einheit“ Schlaf.
Je näher der erste Wettkampftag rückt, umso ausgeschlafener möchte der 1,95 m große Modellathlet sein. „All meine Freunde und meine Familie werden live dabei sein. Mittlerweile habe ich davon Abstand genommen, es meiner Mutter nahezulegen, nicht beim Wettkampf zu erscheinen. Ich habe mir früher immer einen Kopp gemacht, weil ich wusste wie nervös sie ist, wenn sie zuschaut. Die Gewissheit, meine Fan-Gemeinde hinter mir zu haben, ist ein tolles Gefühl. Und wenn ich dann noch daran denke, dass uns vielleicht schon am frühen Morgen Zehntausende von Zuschauern unterstützen werden, bekomm ich langsam Gänsehaut.“ Sollte Norman Müller, wie immer mit „Glücks“-Strümpfen und –Unterhosen ausgestattet, seine Ziele realisieren können, traut er sich vielleicht beim Abschlussfest der DLV-Mannschaft dann noch auf ein ganz anderes Parkett. Schon des Öfteren haben ihm nämlich seine Freunde aufgrund seiner guten Stimme gesagt, er habe den Beruf verfehlt und solle es einmal als Sänger versuchen.














